Samstag, 17. September 2016

Vom Traumberuf oder so

Der Kassensturz hat letzte Woche einen Beitrag zur studentischen Mitarbeit am Tierspital gebracht. Und da bei mir in den Post-Entwürfen seit vier Jahren ein Beitrag über Tagesablauf in der Klinik schlummert, ist das jetzt der Augenblick diesen zu Veröffentlichen.



Ein typischer Tagesablauf (zumindest vor gut vier Jahren) als Tiermedizinstudent im letzten Studienjahr in einer Kleintierklinik irgendwo in der Schweiz:

7:40 Ankunft in der Klinik, Umziehen, sich bei den diensthabenden Mitstudenten informieren, wie die Nacht verlaufen war.
08:00 Fallübergabe durch den diensthabenden Assistenzarzt
08:10 Rundgang: Alle Fälle werden vor Ort dem Oberarzt kurz vorgestellt.
08:30 Besprechung des Tagesablaufs. Ich bin heute im OP eingeteilt.
08:35 Ich untersuche meinen ersten stationären Patienten.


08:45 Umziehen, steril einwaschen. OP: Tumorentfernung aus Bauchhöhle.
10:15 "Versteckter" Deal: Nachdem ich mich einverstanden erklärt habe, den OP-Bericht zu schreiben, darf ich die Hautwunde nähen.
10:17 Nähen der Hautwunde
10:30 Ich helfe der OP-Schwester die Wunde zu verbinden und den Patienten in die Aufwachstation zu bringen.
10:45 Meine Untersuchungsergebnisse des ersten Patienten werden schnell eingetippt.
11:00 Umziehen, steril einwaschen. OP: Gelenkarthroskopie.
14:23 Ich helfe der OP-Schwester die Wunden abzudecken und den Patienten in die Aufwachstation zu bringen. Da die OP so lange gedauert hatte, bleibe ich, bis der Hund ganz aufgewacht ist.
15:10 Da ich "meinen" Assistenzarzt nirgends gefunden habe, beschliesse ich, Mittagspause zu machen.
15:11 Essen!
15:13 Mir wird ausgerichtet, dass ich im OP gebraucht werde.
15:16 Umziehen, steril einwaschen. OP: Kastration.
15:25 Gleicher Deal wie am Vormittag...
15:30 Nähen der Hautwunde. Versorgung des Patienten.
16:00 Kontrollrunde bei den frisch operierten Patienten.
16:10 Blick auf Röntgenbilder, die nachher besprochen werden.
16:20 Untersuchung der anderen stationären Patienten.
17:00 Röntgen-Round. Im völlig abgedunkelten Raum werden Röntgenbilder besprochen.
17:30 Nachbesprechung der heutigen Fälle.
17.50 Das Team schaut sich kurz an, was morgen auf dem Plan steht.

Das war natürlich nicht in der Kleintierklinik

18:00 Ich melde mich auf der Intensivstation beim diensthabenden Arzt. Wir sind zwei Studenten; da Semesterferien sind, kommen keine Studenten aus den unteren Jahrgängen.
18:01 Kontrollrunde im Stall: Wieviele Tiere? Was ist dort im Verlauf der Nacht zu tun?
18:15 Ich gehe mit ein paar Hunden raus (natürlich immer einzeln).
18:45 Es ist immer noch nichts angemeldet (Holz anfassen). Essen.
19:15 Eintippen der restlichen Tagesuntersuchungen.
19:30 Schreiben der beiden OP-Berichte.
20:15 Medikamentenrunde.
21:00 Hunde versäubern.
22:30 Streicheln der Schmusetiere.
23:00 Medikamentenrunde.
00:00 Hunde versäubern. Katzenboxen säubern.
00:45 Der Assistenzarzt ist am Telefon.
00:46 Warten auf den angekündigten Notfall: Magendrehung.
01:32 Der Notfall ist endlich da. Die Hündin wird sogleich untersucht und stabilisiert, während ich die Krankengeschichte aufnehme.
01:47 Alle Unterschriften sind vorhanden. Die Hündin ist soweit narkosefähig und wird in den OP gefahren. Ich bleibe auf der Intensivstation.
01:49 Kontrollrunde.
01:50 Eintippen der Krankengeschichte und der Untersuchungsergebnisse. Immer wieder unterbrochen durch Kontrollrunden, Aufhängen von neuen Infusionslösungen, Leeren von Katzenkistchen und Untersuchungen von besonders kritischen Patienten.
03:30 Die OP ist gut verlaufen, die Hündin ist schon wieder am Aufwachen. Sie wird in eine Box gebettet und an die Infusion angehängt.
03:40 Während der Assistenzarzt die Station übernimmt, gehen wir schlafen.
07:05 Der Wecker klingelt. Aufstehen, anziehen, waschen.
07:12 Der erste Notfall steht vor der Tür. Ich nehme die Krankengeschichte auf und untersuche das Tier.
08:10 Ich übergebe den Fall wieder dem Assistenzarzt und nehme in Kauf, dass er grummelig wird, weil er deshalb noch nicht gleich nach Hause kann.
08:16 Ich suche das Chirurgieteam, um den restlichen Rundgang nicht zu verpassen.
08:30 Besprechung des Tagesablaufs. Ich bin heute nicht im OP.
08:35 "Mein" Assistenzarzt übernimmt den frühen Notfall, so dass er quasi wieder in meinen Zuständigkeitsbereich fällt. Der Kater wird nochmals gründlich untersucht und die nächsten diagnostischen Schritte werden eingeleitet.
09:00 Ich untersuche "meine" anderen Fälle.


10:00 Die erste Konsultation ist hier, ich führe die Erstuntersuchung durch.
10:35 Da mein Assistenzarzt nicht auf den Pieps reagiert, klappere ich die ganze Klinik nach ihm ab.
10:49 Gefunden! Ich erläutere ihm den Fall und wir besprechen dann das weitere Vorgehen mit dem Besitzer.
11.00 Die nächste Kons inkl. dem gleichen Spielchen wie vorher... Diesmal bleibt das Tier für eine OP in der Klinik, ich suche ihm eine freie Box im Stall.
12:20 Laut Arbeitsvertrag müsse die TPA jetzt unbedingt Mittagspause machen. Ob ich nicht noch die Hunde versäubern könnte?! Da ich kein Arbeitsvertrag vorweisen kann, führe ich geschätzte hundert Tiere in den kleinen Auslauf.
13:30 Ich mache Essenspause (zum ersten Mal heute!), schaue gleichzeitig die Röntgenbilder für die heutige Round an und aktualisiere die Krankengeschichte meiner Patienten.
14:00 Zwei weitere Konsultationen.
16:00 "Notfall-Round": Anhand von aktuellen Fällen wird das Vorgehen bei Notfällen besprochen. Ich nutze die Sitzpause, um meinen Zuckerspiegel wieder auf eine normale Höhe anzuheben.
17:00 Röntgen-Round. Im dunklen Raum kann ich kaum die Augen offenhalten.
17:30 Nachbesprechung der heutigen Chirurgie-Fälle.
17:50 Die Termine des nächsten Tages werden angeschaut.
18:11 Umziehen. Nach Hause. Endlich!

Wir haben damals übrigens etwa 120 Stunden pro Woche in der Klinik verbracht... Meine Arbeitszeiten haben sich inzwischen deutlich verbessert. Und ich arbeite nach wie vor auf meinem Traumberuf. ;-)

Kommentare:

  1. Uhi das ist ja ein langer "Arbeits-Tag"

    Schlabbergrüße Bonjo

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  2. Ach du grüne Neune!
    Da hast du dir deinen Traumberuf aber sehr schwer verdient, ich habe gemeint das gehöre entgültig der Vergangenheit an. So vor etwas mehr als 40 Jahren haben wir auch solche Einsatzpläne umgesezt - aber aktell????????
    Geniesses, dass es dein Traumberunf geblieben ist.
    Sonntagsgrüsse von Erika

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  3. Ich staune auch über dieses Arbeitspensum. Hut ab, wenn man solche Dienste ständig absolvieren muss. Ich glaube dazu bedarf es auch ganz viel Liebe zu den Tieren und ein Brennen für diesen Job.

    Viele liebe und anerkennende Grüße
    Sabine mit Socke, die nun froh über ihren Bürojob ist

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